Saturday, November 25, 2006

Essay on DURKHEIM, Émile (1858-1917)

Als einem der Gründerväter der französischen Anthropologie, der durch die Neuerungen in seinem Denken Einfluss auf bedeutende sozialwisssenschaftliche Theorien des 20. Jahrhunderts hatte, kommt Émilie Durkheim besondere Bedeutung zu.

Durkheim war schon als Schüler mit der vorherrschenden humanistischen Ausrichtung seiner Ausbildung unzufrieden und fühlte sich der wissenschaftlichen Richtung mehr verbunden. Von der Suche nach Neuem getrieben, stach er bald aufgrund seiner lernbegierigen Ernsthaftigkeit unter seinen Kollegen hervor. Eine Eigenschaft, die seinen Weg zu der einflussreichen und bis heute bedeutenden Persönlichkeit, die er zweifelsfrei darstellt, schon früh vorzeichnete. (The Durkheim Page)

David-Émile Durkheim wurde 1858 als Sohn einer Rabbinerfamilie in Épinal (Vosges, in Lorraine) geboren. Um der Tradition seiner Familie zu folgen, absolvierte er einen Teil seiner ersten Ausbildung auch in einer rabbinischen Schule, wandte sich aber bereits in seiner Jugend von der aktiven Teilnahme an der Religion ab, was seinem Interesse an religiösen Phänomenen jedoch keinen Abbruch tat, wie man in einem seiner wichtigsten Werke später erkennen kann.
Nachdem er sich am College d’Épinal und danach am renommierten Lycee Louis-le-Grand durch brillante Leistungen hervorgetan hatte, setzte er seine Karriere an der Ecole Normale Superieure fort. Dort befand er sich in einem beeindruckenden und gewiss inspirierenden Umfeld von Persönlichkeiten wie Jean Jaurès, Henri Bergson, Lucien Lèvy-Bruhl, Felix Rauh und Ferdinand Brunot. An dieser Stelle sollten auch zwei seiner Lehrer genannt werden, die Einfluss auf seine Arbeit nahmen, nämlich der Historiker Numas Denis Fustel de Coulange und der Philosoph Èmile Boutroux.
Nach seiner Agrègation de Philosophie arbeitete er zunächst als Lehrer für Philosophie an Gymnasien. Nach einem Studienaufenthalt in Deutschland wurde der junge Durkheim, den man wohl am besten als Sozialwissenschaftler beschreibt, 1887 schließlich an die vorwiegend humanistisch orientierte Université de Bordeaux berufen. Hier ist es Durkheim zu verdanken, dass die Soziologie (Science social) Einzug in den französischen Universitäten hielt. (Robert Alan Jones 2000)

Durch die bis dahin noch nie stattgefunde Verbindung von Empirie und Rationalismus etablierte Durkheim eine für ihn angemessene Vorgehensweise für seine neue Soziologie und begründete dadurch die Soziologie als empirische Wissenschaft und als autonome Wissenschaft mit eigenständiger Methode. 1913 wurde schließlich der erste Lehrstuhl für Soziologie an der Sorbonne in Paris geschaffen. (Barth 2005: 180)

Durkheim reformierte mit seinem neuen funktionalistischen Ansatz die gesamten Sozialwissenschaften in Europa.
Um die Gesamtheit eines sozialen Phänomens erfassen zu können, wandte Durkheim sowohl die historische als auch die neue soziologische Arbeitsweise einander ergänzend an. Er versuchte einerseits die Ursache des Phänomens in der Geschichte zu finden, analysierte andererseits aber auch – und hier liegt die Neuerung – die Funktion, d.h. die Wirkung des Phänomens für die Struktur, in die es gebettet ist. (Sociology at Hewitt…) Somit versuchte Durkheim soziale Phänomene sui generis zu betrachten und nicht aus ihrem Kontext gerissen, d.h. als etwas, das aus sich heraus verstanden werden muss. Seine Überlegungen bringt Durkheim in dem Werk „The Rules of Sociological Method“ (1895) dar. Die 1898 von ihm gegründete Zeitschrift „L’Année sociologique“ ist eine wichtige Plattform für die Publikationen des neuen Faches.

Hier wird ersichtlich, dass Durkheim als der geistige Vater des britischen Funktionalismus anzusehen ist, der vor allem stark auf Radcliffe-Brown einwirkte. Sein methodisches Vorgehen fand auch bei Claude Lèvi-Strauss Eingang in dessen Werk. Durkheim stellt für ihn eine wichtige Quelle der Inspiration in der Entstehung seiner Theorie des Strukturalismus dar.

„Le Suicide“ (Der Selbstmord bzw. die Selbsttötung, 1897) erlangte seine wichtige Bedeutung aus zweierlei Gründen. Zum einen versuchte Durkheim hier zum ersten Mal, die Empirie in der Soziologie zu verankern, und zum anderen gelangte er über diese Selbstmord-Studie zu einer anderen wichtigen Thematik, der sozialen Solidarität. (L. Joe Dunman 2003)

Im Sinne von Rousseaus philosophischer Fragestellung nach dem Zusammenhalt in einer Gesellschaft, suchte Durkheim in seinem Werk „De la division du travail social“ (Über die Teilung der sozialen Arbeit, 1893) nach den Grundlagen für das Zusammenleben von Menschen in einer Gemeinschaft. Die damals vorherrschende Stimmung in der gerade aufstrebenden Dritten Republik Frankreichs hat zu Durkheims Bemühungen natürlich das ihre beigetragen.
Durkheim richtete seinen Blick auf seine eigene Gesellschaft, in der Ungewissheit und Unsicherheit durch die Ablösung der Royalisten durch die Befürworter der Republik herrschten. (vgl. Hermann Korte, Soziologie, 2004:41)
Er war der Erste, der die eigene Kultur betrachtete, um andere Kulturen zu verstehen. Dies war ein wichtiger Impuls, den er in die Anthropologie einbrachte!

Durch das Bevölkerungswachstum und die einsetzende Industrialisierung kam es in den modernen Gesellschaften zu einer immer stärker werdenden Arbeitsteilung und Spezialisierung der Menschen, was natürlich deren Interaktionen veränderte. Durkheim näherte sich diesem sozialen Wandel durch die Etablierung zweier Konzepte, der „mechanischen Solidarität“ und der „organischen Solidarität“. Begriffe, die auf die Verwendung eines Organismusmodells zurückgehen. Gleichsam den Organen eines Körpers, deren Funktionieren und Zusammenspiel für die Gesunderhaltung des Organismus notwendig sind, werden alle Funktionen der sozialen Institutionen benötigt, um die soziale Ordnung als Ganzes aufrechtzuerhalten.
Durkheim beschrieb die Entwicklung der „mechanischen Solidarität“ zur „organischen Solidarität“.
In nicht industrialisierten Gesellschaften beruht die Solidarität auf Ähnlichkeit, d.h. es wird ein Kollektiv geformt, in dem alle Individuen mehr oder weniger gleiche Arbeiten ausführen und gemeinsame Anschauungen und Gefühle haben. Durkheim spricht hier von einer „mechanischen Solidarität“, die im Zuge der Arbeitsteilung plötzlich in Frage gestellt werden muss. Über die Entwicklung der Idee der Anomie, welche er als den Zustand beschreibt, in dem aufgrund fehlender gemeinsamer Werte, die gesellschaftliche Ordnung und somit die gesellschaftliche Integration nicht mehr sichergestellt ist, gelangt Durkheim zur „organischen Solidarität“. Diese beruht nun nicht mehr auf Ähnlichkeit, sondern auf Verschiedenheit. Da die Menschen nun aufeinander angewiesen sind, entsteht eine gemeinsame Moral, die von allen anerkannt wird. Durkheim sieht hier das Entstehen einer Moral auf Basis der Abhängigkeit, welche die Moral des Kollektivs der „mechanischen Solidarität“ ersetzt. Er erkennt aber auch, dass in jeder Form von Gesellschaft eine gemeinsame Basis, ein Kollektivbewusstsein vorhanden sein muss. Dieses ist bei ihm eine soziale Tatsache (fait social), etwas das durch die Gesellschaft entstanden ist, d.h. einen von der Gesellschaft ausgeübten äußeren Zwang darstellt und moralisch verpflichtend ist. (Korte 2004: 40ff)

Hier wird auch der Paradigmenwechsel von der externen Einwirkung auf ein Individuum (z.B. durch ein Rechtssystem) zu einem dem Individuum verinnerlichten Kontrollorgan, also gewissen Moralvorstellungen, die zur Einhaltung der gesellschaftlichen Ansprüche an das Individuum, notwendig sind, ersichtlich. Diese Theorie brachte ihn nun zur Auseinandersetzung mit Religion.

„Les formes élèmentaire de la vie religieuse“ (Die elementaren Formen des religiösen Lebens, 1912) stellt das letzte große, publizierte Werk vor seinem Tod 1917 dar. Durkheim legte in seinen letzten Jahren das Hauptaugenmerk auf die Auseinandersetzung mit Religion. Seine Studien diesbezüglich tragen einerseits den größten anthropologischen Gehalt seiner Arbeiten und stellen andererseits sein Denken wohl auch am anschaulichsten dar.
Sein Neffe und engster Mitarbeiter Marcel Mauss verdeutlichte Durkheim die Bedeutung publizierter Feldforschungsstudien als Datenquelle, worauf dieser die Aranda Zentralaustraliens wählte, um anhand ihres Totemismus Religion als menschliche und nicht göttliche Angelegenheit zu interpretieren.
Was für die einen die Religion mit ihrem Gott darstellte, verkörperte für die anderen die Gesellschaft mit ihren sozialen Tatsachen und ihrer Moral. Durkheim ging sogar soweit, Gesellschaft als das Absolute darzustellen, das Äquivalent zu Gott. An Religion interessiert ihn also der soziale Aspekt. Religion als Quelle der Identifikation, der Solidarität, zur Stärkung der gemeinsamen Werte und Normen, als sinngebende Institution. Laut Durkheim dient Gott als Symbol für die Gesellschaft, da es Individuen leichter fällt, ein Symbol oder einen Repräsentanten zu verehren, als die Gesamtheit der einzelnen Mitglieder. Die Verehrung des Gottes ist somit lediglich die verschleierte Verehrung der Gesellschaft. Gesellschaft, so meint er, stellt für die Mitglieder etwas Heiliges dar. (Thiel 1992: 154)
Er konzipierte die Teilung des Lebens in zwei Ebenen, in den sakralen und den profanen Bereich. Hier wird seine Vorliebe für Dichotomisierungen deutlich, die sich auch in der Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft zeigt. Als Kritikpunkt möchte ich hier seine Überbetonung des Sozialen anführen, welche als „Soziologismus“ in die Literatur eingegangen ist. Indem er vor allem moralische Institutionen ausschließlich in der Gesellschaft verankerte, unterminierte er das Individuum und dessen moralische Handlungsfähigkeit.

Aus anthropologischer Sicht möchte ich die Tatsache anführen, dass Durkheim noch zu den „armchair anthropologists“ zählte und nie eigene Feldforschung betrieben und somit nie mit den Aranda zusammengelebt hatte. Durkheims Gesellschaftstheorien sind am Schreibtisch entstanden. (ebd.: 156) Dies möchte ich nur als kritischen Einwurf verstanden wissen. Die Bedeutung seiner Theorien bis in die heutige Zeit ist unbestritten, wie der ungebrochene Einfluss, den er vor allem auf die französische Anthropologie bis heute ausübt, auch zeigt.



DUNMAN, L. Joe, University of Illinois
2003 The Emile Durkheim Archive. Available Online.
[20.11.2005]

JONES, Robert Alun, University of Illinois
2000 The Durkheim Pages. Available Online. <http://www.relst.uiuc.edu/durkheim/>
[20.11.2005]

KORTE, Hermann
2004 Soziologie. (UTB basics). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH.

Sociology at Hewitt…
The Durkheim Page. Available Online.
<http://www.hewett.norfolk.sch.uk/curric/soc/durkheim/durk.htm> [20.11.2005]

THIEL, Josef Franz
1992 Grundbegriffe der Ethnologie. Vorlesungen zur Einführung. 5. Auflage. Berlin:
Dietrich Reimer Verlag.